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Podcast-Cover MDIBTY Folge 347 mit Heiko Wipfler, Special Olympics Baden-Württemberg

Folge 347

Die Technik war nie das Thema: Kultur statt Technologie bei Special Olympics Baden-Württemberg

Vom Tabellenabzug zum gemeinsamen System — ohne Data-Team, mit Ehrenamt und Barrierefreiheit als Grundbedingung

Heiko Wipfler

Geschäftsführer, Special Olympics Baden-Württemberg

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·55 Min. ·7 min Lesezeit

In Folge 347 von MY DATA IS BETTER THAN YOURS (MDIBTY) spricht Jonas Rashedi mit Heiko Wipfler (Geschäftsführer, Special Olympics Baden-Württemberg) über Vom Tabellenabzug zum gemeinsamen System — ohne Data-Team, mit Ehrenamt und Barrierefreiheit als Grundbedingung. Konkret: Bevor ein neues System eingeführt wird, lohnt die Frage, ob die Menschen die Grundlagen beherrschen.

3 Erkenntnisse aus dieser Folge

  1. 01

    Bevor ein neues System eingeführt wird, lohnt die Frage, ob die Menschen die Grundlagen beherrschen. Bei Special Olympics Baden-Württemberg war das ein Teams-Termin, den ein Teammitglied noch nie eingestellt hatte.

  2. 02

    Die Zielgruppe entscheidet mit: Texte in leichter Sprache gehen erst raus, wenn eine Prüfgruppe aus Athletinnen und Athleten sie versteht — nicht bei allem im Alltag, aber bei allem, was wichtig ist.

  3. 03

    Zahlen brauchen ihren Geltungsbereich. 654 aktive Startpässe in Baden-Württemberg zählen nur, wer national startet, weil der Startpass erst ab dieser Ebene verpflichtend ist.

Worum es in dieser Folge geht

Heiko Wipfler und ich haben uns in seiner alten Welt kennengelernt. Damals war er Digitalberater und hat digitale Transformation bei Großunternehmen begleitet. Seit rund drei Jahren ist er Geschäftsführer von Special Olympics Baden-Württemberg, dem Landesverband für Sport von Menschen mit geistiger Behinderung — einer von 16 Landesverbänden in Deutschland.

Ein Data-Team gibt es dort nicht, keine Data Scientists, keine Analysten. Als studierter Informatiker ist er in dieser Welt, wie er selbst sagt, ein totaler Exot. Auf meine Einladung in den Podcast kam deshalb erst einmal: my data is worse than yours.

Genau deshalb wollte ich diese Folge machen. Der rote Faden ist Kultur statt Technologie. Ich bin überzeugt, dass wir seit Jahren die Technik haben, die für 80 Prozent aller Use Cases reicht. Viele Organisationen haben sie gekauft und nicht verstanden, wie man sie im Alltag nutzt.

Die Storyline

Der Wechsel

Warum jemand aus der Transformationsberatung in einen Verband wechselt, beantwortet Heiko über das Armband mit den bunten Perlen an seinem Handgelenk: Es steht für die Geburt seiner Tochter. Er wollte zu Hause stattfinden und die Frage „Papa, was hast du eigentlich in deinem Leben gemacht?" stolz beantworten können. Eine klare Purpose-Entscheidung, sagt er.

Leistungssport im klassischen Sinne ist das bei Special Olympics ausdrücklich nicht. Die Athletinnen und Athleten treiben Sport für ihr Selbstbewusstsein und ihre Gesundheit, und sie geben ihr Bestes im Rahmen ihrer Möglichkeiten. High Performance ist es trotzdem — für sein Team heißt das, mit begrenzten Mitteln jeden Tag das bestmögliche Umfeld zu schaffen.

Der Teams-Termin, der alles verändert hat

Heiko ist mit dem Anspruch gestartet zu zeigen, was Technologie und ein anderer Blick auf Daten bewirken können. Er hat versucht, die einzelnen Tabellen zu konsolidieren, und immer wieder angemahnt, dass die Delegationen in zwei Portalen dieselben Daten eintragen müssen, weil die Portale nichts voneinander wissen.

Dann kam der Moment, der seine Denke verändert hat. Das Team arbeitet sehr remote — zwei kleine Büroräume, sechs Arbeitsplätze, einmal im Monat kommt das ganze Team zusammen. Heiko bittet eine Kollegin, einen Teams-Call einzustellen.

Und auf einmal fängt sie an zu zittern und sagt: Du, Heiko, das habe ich noch nie gemacht.

— Heiko Wipfler

Bis dahin hat, wer einen Termin mitgenommen hatte, die anderen einfach angerufen. Für Heiko war das der Punkt, an dem er ganz anders ansetzen musste, um sein Team nicht zu überfordern und zu verlieren. Er habe schon immer den Anspruch gehabt, ein verträglicher, menschlicher Informatiker zu sein. An dieser Stelle hat das nicht gereicht.

Dazu passt ein zweiter Spiegel, den er bekommen hat: „Dein Denglisch versteht hier niemand." Als Berater hat er am System gearbeitet und war nie Teil davon. Jetzt ist er Teil des Systems.

Die Reise ist nicht abgeschlossen, das sagt Heiko selbst. Er sei total stolz darauf, wo sie in den drei Jahren gelandet sind. Im vergangenen Jahr kam aus dem Team dieser Satz:

Wir wollen uns weg von den Amateuren mit Herz hin zu den Profis mit Seele entwickeln.

— Heiko Wipfler

Wichtig ist mir dabei: Der Satz kam aus dem Team, nicht von der Geschäftsführung.

Vom Tabellenabzug zum gemeinsamen System

Konkret wird es beim Startpass. Wer ab nationaler Ebene starten will, also etwa bei deutschen Meisterschaften, braucht ihn — mit Nachweis der Behinderung und ärztlicher Unbedenklichkeit. In Baden-Württemberg gibt es aktuell 654 aktive Startpässe.

Diese Zahl deckt bewusst nicht alle ab, die Sport machen. Bei den Landessommerspielen in Heilbronn-Neckarsulm waren im letzten Jahr insgesamt 2.000 Menschen dabei. Heikos Anspruch an den Startpass ist deshalb, ihn so niederschwellig wie möglich zu machen. In der Welt eines Menschen mit Behinderung gibt es so viele Nachweispunkte, dass der Sport nicht noch einer werden soll.

Früher war der Startpass ein eigenes Portal, die Anmeldung zu Wettbewerben eine Individualentwicklung, die am Ende eine Excel-Liste zum Herunterladen ausgab. Das Mitgliedsmanagement in Baden-Württemberg lief teilweise über einen Tabellenabzug. Wer gemeldet war, musste händisch abgeglichen werden.

Heute arbeitet die Deutschlandorganisation mit einem Anbieter aus dem Verbandswesen zusammen, bei dem Startpass, Mitgliederverwaltung und Anmeldung in einem System liegen. Fertig ist das nicht: Genau diese Logik muss jetzt auf 16 Landesverbände und einen Bundesverband ausgerollt werden. Und da sind wir wieder beim Teams-Termin. Ein System all in one hilft nur, wenn die Menschen, die es nutzen sollen, damit umgehen können.

Die Zielgruppe entscheidet mit

Meine Frage war, was Unternehmen bei einem ERP- oder CRM-Projekt von diesem Vorgehen lernen können. Heikos Antwort: Um wen geht es, und für wen machen wir das Ganze? Und dann die Zielgruppe einbinden und fragen, ob die Lösung für sie funktioniert.

Sein Beispiel ist die leichte Sprache. Texte werden in die normierte leichte Sprache übersetzt — und erst freigegeben, wenn eine Prüfgruppe aus der Zielgruppe sie geprüft hat.

Dieser Prozess funktioniert nur, wenn er über eine Prüfgruppe freigegeben wird, die aus der Zielgruppe kommt.

— Heiko Wipfler

Nicht bei allem im Alltag, sagt Heiko, aber bei allem, was wichtig ist. Den Strategieplan gibt es deshalb in zwei Fassungen, in Alltagssprache und in leichter Sprache. Und der Fachausschuss der Athletinnen und Athleten wurde bewusst gefragt, wo der Verband besser werden muss.

Ich habe ihn dann gefragt, ob er in seiner Zeit als Transformationsberater jemals die Zielgruppe zu den eigenen Dokumenten befragt hat. Die Antwort war ein ehrliches Nein.

Auf meine Frage nach der einen Methode, mit der man Menschen auf so eine Reise mitnimmt, kam übrigens nur: gesunder Menschenverstand. Und die Frage, wie man selbst in einer schwierigen Situation behandelt werden möchte.

Wirkziele statt Ergebnisziele

Zu messen, wie viele Menschen an Wettbewerben teilnehmen, ist für den Verband vergleichsweise einfach. Schwer wird es bei der Frage, was der Sport im Leben der Athletinnen und Athleten bewirkt. Heiko nennt das die Königsdisziplin im Projektmanagement: nicht die Ergebnisziele, sondern die Wirkziele.

Einen Vorteil hat der Verband gegenüber vielen Unternehmen. Die Mitglieder sind zugleich die Kunden — es gibt keinen Spagat zwischen Dividendeninteresse und zufriedenen Kunden. Den Nachteil kennt jeder, der im Verein war: Vereine sind basisdemokratisch. Wer dort sagt, wir machen das jetzt so, scheitert. Der deutschlandweite Strategieprozess läuft deshalb seit über einem Jahr im Dialog, mit vielen Runden und auch Diskussionen über Kleinigkeiten.

Die schwierigste Entscheidung

Begrenzte Mittel heißt auch, Dinge nicht zu machen. Heiko spricht offen darüber, dass der Verband die Landeswinterspiele wegen einer großen Finanzlücke nicht durchgezogen hat — das wichtigste Format für die Athletinnen und Athleten. Die Frage war, was danach noch möglich gewesen wäre, an Kraft und an Geld.

Das war eine meiner schwierigsten Entscheidungen, die ich je in meiner Karriere habe treffen müssen, aber es war die richtigste und die wichtigste.

— Heiko Wipfler

Anfangen ist einfach, sagt er. Zu sagen, dass man justieren oder aufhören muss, ist sauschwer. Die Alternativen, die der Verband jetzt anbietet, bedeuten Mehraufwand, etwa Fahrten in ein anderes Bundesland zu einem Qualifikationswettbewerb.

Der Satz für die Hörerinnen und Hörer

Zum Schluss erzählt Heiko von Michael, dem vorsitzenden Athletensprecher, aus seinen ersten Wochen im Verband. Michael hat ihn darauf hingewiesen, dass er eine Brille trägt, und dann nachgelegt: Es gibt auf alle Fälle auch Bereiche, die du nicht so gut kannst. Dieses Mantra im Hinterkopf habe bei ihm einiges verändert.

Der Satz, den Heiko den Hörerinnen und Hörern mitgeben möchte, ist entsprechend kurz:

Du bist auch nur ein Mensch.

— Heiko Wipfler

Warum mich das besonders umtreibt

Ich höre seit Jahren in Podcasts, Vorträgen und Diskussionen, dass Kultur Technologie schlägt. Fast alle nicken, und dann reden wir doch wieder über Tools, Organigramme und Projektpläne. Kultur bekommt nicht die Wertigkeit, die sie braucht, weil sie schwer greifbar ist und schnell esoterisch wirkt.

Heikos Teams-Termin ist für mich deshalb der wichtigste Moment der Folge. Ich erwische mich selbst dabei, Menschen zu belächeln, die sich mit einer Excel-Datei schwertun, obwohl sie seit 30 oder 40 Jahren ihren Job gut machen. Wenn das meine Mutter wäre, würde ich mir wünschen, dass sich jemand fünf oder zehn Minuten Zeit nimmt und die Sache einfach mal erklärt.

Frech gesagt: Kultur lässt sich durchaus bepreisen. Schaut euch an, wie viel Commitment ein Projekt bekommt, wie viele Überstunden es frisst und wie lange es dauert, bis jemand die Extrameile geht. Wer in seinem Haus gerade ein neues System einführt und die Anwenderinnen und Anwender ernsthaft einbindet, dem würde ich gern zuhören. Schreibt mir, wie ihr das macht.

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