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Podcast-Cover MDIBTY Folge 346 mit Tim Wiegels, Tim Wiegels Data Solutions

Folge 346

Zwei fancy Namen, ein Job? CDO gegen CAIO — Tim x Jonas

Erst das Fundament oder erst die Rolle: warum vor einer Stelle ohne Budget und Mandat kein C stehen muss

Tim Wiegels

Berater, Tim Wiegels Data Solutions

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·44 Min. ·6 min Lesezeit

In Folge 346 von MY DATA IS BETTER THAN YOURS (MDIBTY) spricht Jonas Rashedi mit Tim Wiegels (Berater, Tim Wiegels Data Solutions) über Erst das Fundament oder erst die Rolle: warum vor einer Stelle ohne Budget und Mandat kein C stehen muss. Konkret: Ein Titel ersetzt kein Mandat.

3 Erkenntnisse aus dieser Folge

  1. 01

    Ein Titel ersetzt kein Mandat. Steht in der Ausschreibung kein Budget, keine Führung und keine strategische Ausrichtung, ist das keine firmenweite Stelle — und dann muss auch kein C davorstehen.

  2. 02

    Die Wertschöpfung von Data lässt sich höchstens einmal sauber schneiden. Wer sie auf CIO, Infrastruktur und eine neue KI-Rolle verteilt, schafft genau dort Reibung, wo die meiste Transformation passiert.

  3. 03

    Wer eine KI-Rolle besetzt, braucht einen klaren Use Case und jemanden im Haus, der prüfen kann, ob die Person wirklich etwas kann. Oft ist es sinnvoller, jemanden intern weiterzuentwickeln, der Firma und Fundament schon kennt.

Worum es in dieser Folge geht

Alle paar Wochen nehme ich mit Dr. Tim Wiegels unser Duo-Format auf. Tim hat früher den Datenbereich bei mytaxi, später FREE NOW, verantwortet und berät heute Unternehmen in Datenstrategie. Ich bringe die Perspektive von jemandem mit, der im eigenen Haus entscheiden muss.

Diesmal haben die drei News das Thema fast von selbst gesetzt. Bitkom meldet erstmals eine Mehrheit: 57 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten setzen KI ein, nach 36 Prozent im Vorjahr. Die IBM CEO Study vom Mai, mit rund 2.000 befragten CEOs aus 33 Ländern und 21 Branchen, zeigt, dass immer mehr Organisationen der KI eine eigene Rolle geben. Und die Deloitte Global Technology Leadership Study zählt unter 660 Technologieverantwortlichen 71 Prozent, die fünf oder mehr Tech-Führungsrollen auf Vorstandsebene haben — ohne klare Verantwortungsabgrenzung.

Verbreitung, dann die Frage, wem man die Verantwortung umhängt, dann ein Board voller Tech-Titel: Daraus ergibt sich die Frage der Folge. Erst das Fundament oder erst die Rolle?

Die Storyline

Henne oder Ei

Tims Antwort ist zweigeteilt. In der Praxis wird zuerst das Fundament gebaut. Einfacher wäre es aber, wenn von Anfang an jemand oben sitzt, der den Plan hat.

Ich bin der Meinung, du brauchst eine visionäre, strategische Position, die sagt: Ihr habt die ganzen Probleme hier, ihr wollt das und das machen, da bauen wir jetzt das.

— Tim Wiegels

Genau diese Funktion fehlt bei seinen Kunden, sagt er — und das sei seine Nische. Ich habe ihn da ein bisschen gepiesackt: Irgendjemand holt ihn ja rein, also gibt es die Vision doch. Tims Antwort ist eine Anekdote aus seiner eigenen Biografie. Bei mytaxi wurde er als Chef des Datenteams geholt, weil die Shareholder gesagt haben, ihr braucht jemanden, der sich damit beschäftigt. Punkt.

Titelinflation: fünf Direktoren mit fancy Titel

Mein Einwand kommt aus dem Mittelstand. Dort liegt das Reporting oft noch beim CFO, monatlich, aggregiert, auf einer alten Datensenke. Holt man jetzt einen AI Officer, stellt der schnell fest, dass er ein Fundament braucht — und steht vor CIO und CTO, die das neue, coole Thema selbst gern gemacht hätten. Dann hat man das Thema vermeintlich angeschoben und den eigenen Leuten nicht zugetraut, es weiterzuentwickeln.

Tim hält das für eine andere Baustelle: die Titelinflation im C-Level.

Das sind doch dann nicht fünf C-Level, das sind eigentlich nur fünf Direktoren, die irgendeinen fancy Titel haben.

— Tim Wiegels

Und dann kommt der Satz, der der Folge ihren Titel gegeben hat:

Für mich ist die weirdeste Sache, dass ich keinen relevanten Unterschied in meinem Kopf sehe zwischen dem Chief Data Officer und dem Chief AI Officer. Das sind einfach nur zwei fancy Namen für, meiner Meinung nach, die gleiche Expertise und den gleichen Job.

— Tim Wiegels

Wo man die Wertschöpfung schneiden darf

Ich habe versucht, die Diskussion an der Wertschöpfung von Data festzumachen statt an Titeln. Quellsysteme, ETL- und ELT-Prozesse in eine Datensenke, Modellierung, dann Visualisierung, Microservices, Datenprodukte, Data Science. Diese Kette kannst du aus meiner Sicht maximal einmal in zwei Teile schneiden. Wenn ein CIO die Quellsysteme hat, jemand anderes die Infrastruktur und der AI Officer ganz vorne bei der Fachabteilung sitzt, zerlegst du genau den Teil, in dem die meiste Transformation passiert.

Tims Reaktion ist deutlich:

Warum muss dann ein C vor diesem Titel stehen? Das ist für mich totaler Quatsch. Das ist keine strategische, firmenweite Stelle.

— Tim Wiegels

Er ergänzt etwas, das in solchen Diskussionen oft untergeht: Automatisierung und Datenprodukte, die direkt im System arbeiten, lagen schon immer bei den Datenteams. Fünf APIs verknüpfen, Daten ingesten, ein Modell bauen, die Rechnungsstellung automatisieren — das hieß nur früher nicht AI. Für ihn ist AI-Expertise deshalb ein weiterer handwerklicher Faktor, den ein Chief Data Officer haben sollte. Ich habe das Bild weitergedreht: Dann stellt sich die Frage, wer den ganzen Werkzeugkasten verantwortet, mit IT, Digitalisierung, Data, AI und Automatisierung darin.

FREE NOW: alles unter dem CTO

Tims Beispiel dafür ist FREE NOW. Dort wurde das Management klein gehalten. Am Ende lag beim CTO alles zusammen — Data- und AI-Expertise, Microservices, IT-Infrastruktur. Das hat an der Stelle sehr gut funktioniert, sagt Tim, weil eben das gerade der Fokus war. Eine Blaupause ist es ausdrücklich nicht. Es könne genauso bei einem Chief Commercial Officer liegen.

Das ist nicht die Position, das ist das Mindset.

— Tim Wiegels

Passend dazu habe ich von einem Gespräch erzählt, in dem mir jemand ein mit Claude Code gebautes Organigramm gezeigt hat: Statt der langen Kette von Strategie über Fachabteilung, Product, Frontend und Backend gibt es jetzt gewerksübergreifende Teams. Tim nennt das cross-funktional und hält es für das, was am besten funktioniert. Es braucht aber wieder jemanden, der diese Teams zusammenhält.

Der Umschwung

Auf meine Frage, was er bei seinen Kunden am häufigsten sieht, kommt die Wendung der Folge. Einen CDO oder CIO sieht er dort selten bis gar nicht. Am fehlenden Fundament liegt es nach seiner Erfahrung oft gar nicht, die Voraussetzungen seien häufig gut. Das Problem sind zu viele Leute in der Wertschöpfungskette und niemand, der durchgreifen kann. Sein Job sei gerade, bei jedem Kunden irgendwie mit fünf verschiedenen Teams zu reden und das zusammenzubringen.

Und vielleicht ist dann wirklich dieser blöde Titel des Chief AI Officers was, was gar nicht so schlecht wäre.

— Tim Wiegels

Als die Person, die zwischen die vorhandenen Fundamentstücke noch etwas gießt.

Symbolpolitik und der Check im Vorstellungsgespräch

Die Gefahr ist die Symbolpolitik: Alle meinen, sie müssten etwas tun, und besetzen eine Rolle. Tim hat ein großes Problem mit Leuten, die sich AI-Experte nennen, und benennt das eigentliche Risiko:

Wenn du als Symbolpolitik jemanden als Chief AI Officer einstellst, wird wenig Expertise in der Firma sein, um zu checken, ob die Person dir keinen Scheiß erzählt.

— Tim Wiegels

Seine Empfehlung an alle, die gerade eine solche Stelle ausschreiben: einen klaren Use Case haben und prüfen, ob die Person nicht nur etwas vom Pferd erzählt. Und davor die eigenen Prozesse verstehen, dann schauen, für welchen Prozess man überhaupt etwas machen will. Gute Leute für diese Rolle gibt es seiner Einschätzung nach sehr wenige — vielleicht zehn in Deutschland, sich selbst zählt er nicht dazu.

Nutzt das, was da ist, weil, ganz ehrlich, ihr werdet von außen auch nicht das Beste kriegen, was rumläuft.

— Tim Wiegels

Warum mich das besonders umtreibt

Ich glaube ja, dass diese Debatte in vielen Häusern gerade falsch herum geführt wird. Erst wird der Titel ausgeschrieben, dann wird geschaut, wo die Rolle in der Organisation andockt. Bei der Bitkom-Zahl habe ich in der Folge schon gesagt: Rund 600 Unternehmen, telefonisch befragt — das zeigt eine Tendenz, aber keine Wertschöpfung. Verbreitung ist nicht Wirkung. Und eine neue Rolle ist auch noch keine Wirkung.

Was mich an Tims Umschwung am Ende überzeugt, ist die Bedingung dahinter. Die Rolle kann sinnvoll sein, wenn sie die Lücke zwischen den Teams schließt und das Mandat dafür hat. Ohne Budget, ohne Führung und ohne strategische Ausrichtung ist sie ein teurer Head of mit schönem Schild an der Tür.

Wenn ihr gerade vor genau dieser Entscheidung steht — neue Rolle von außen oder jemand aus dem eigenen Haus —, dann schreibt mir oder kommentiert unter der Folge, wie ihr es gelöst habt. Tim und ich wollen ehrlich wissen, ob wir das zu einfach sehen.

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