In Folge 324 von MY DATA IS BETTER THAN YOURS (MDIBTY) spricht Jonas Rashedi mit Jonas Deichmann (Extremsportler & Keynote-Speaker) über Tracking am Limit, warum er Algorithmen misstraut und was der Extremsport dem Datengeschäft beibringt. Konkret: Daten nur erheben, wo sie eine Entscheidung verändern.
3 Erkenntnisse aus dieser Folge
- 01
Daten nur erheben, wo sie eine Entscheidung verändern. Deichmann trackt bewusst nur Gewicht, Schlaf und Erholung — weil genau diese Werte ihm sagen, ob er gegensteuern muss. Alles andere ist Verwirrung. Genauso erheben zu viele Unternehmen Kennzahlen, nur weil sie es können.
- 02
Wo es keinen Benchmark gibt, schlägt Erfahrung den Algorithmus. Für 120 Ironman in 120 Tagen existierten keine validen Studiendaten. Wer Neuland betritt — Hypergrowth, neues Geschäftsmodell —, kann sich nicht auf Durchschnittsdaten verlassen, sondern muss kalkulierte Wetten auf Basis von Erfahrung eingehen.
- 03
Der Körper entscheidet, wie schnell du bist, der Kopf, wie lang du durchhältst. Marginal Gains und das Herunterbrechen großer Ziele in tägliche Etappen sind der eigentliche Hebel — im Extremsport wie in jeder langen Transformation. Resilienz ist kein Talent, sondern Training außerhalb der Komfortzone.
Worum es in dieser Folge geht
Jonas Deichmann ist einer der bekanntesten Extremsportler Deutschlands — und der Mann, der 2024 etwas geschafft hat, das renommierte Sportmediziner vorher für körperlich unmöglich erklärt hatten: 120 Ironman-Distanzen an 120 aufeinanderfolgenden Tagen. 3,8 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer Rad, 42 Kilometer laufen. Jeden Tag. Vier Monate lang.
Diese Folge ist bewusst kein Sport-Podcast. Mich interessiert, wie ein Mensch, der permanent am physischen Limit operiert, mit Messung, Tracking und Daten umgeht — und was sich davon ins Business übersetzen lässt. Deichmanns Antwort ist überraschend datenkritisch, und genau deshalb so lehrreich.
Die Storyline
10.000 Kalorien und der Tanz auf der Rasierklinge
Die zentrale operative Kennzahl war nicht der Puls, sondern das Gewicht. Bei rund 10.000 verbrannten Kalorien pro Tag durfte Deichmann weder zu- noch abnehmen — der Körper kann nur eine begrenzte Menge aufnehmen.
Deshalb wurde jeden Tag gewogen, alle 20 Minuten gegessen, 90 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde. Das ist Datenarbeit in Reinform: eine einzige Kennzahl, die so eng überwacht wird, dass man gegensteuern kann, bevor das Problem sichtbar ist.
Warum Deichmann seinem Tracker misstraut
Spannend wird es bei der Frage, was er nicht macht. Deichmanns Ruhepuls fiel im Projekt von 37 auf rund 70, der Maximalpuls von 190 auf knapp über 110 — der Körper stellte sich auf eine einzige Sache ein.
Ein Erholungs-Algorithmus hätte ihm daraus jeden Tag „0 Prozent Erholung, mach eine Woche Pause" gemeldet. Genau deshalb hat er ihn ignoriert.
Das ist ein Algorithmus, der ist nicht für so ein Projekt geschrieben. Daten sind super wichtig, aber auch Daten muss man mit einer gewissen Vorsicht und Erfahrung interpretieren.
Daten erheben — aber die richtigen
Den Kern für mich bringt Deichmann auf einen Satz, den ich seitdem in Keynotes zitiere:
Datenerheben ist super wichtig, aber zu wissen, welche — und vor allem, wie man sie interpretiert.
Es gibt genug Unternehmen, die Kennzahlen erheben, nur weil man sie erheben kann. Das bringt am Ende nichts, sondern stiftet Verwirrung. Die Disziplin liegt im Weglassen.
Kein Benchmark, kein Trainer
Für 120 Ironman in 120 Tagen gab es keine validen Daten — die Sportmedizin berief sich auf Tour-de-France-Studien, die nicht passten. Deichmann wurde selbst zum Versuchskaninchen der Wissenschaft.
Was ist unmöglich? So lange, bis einer kommt und es macht.
Die Lektion fürs Business: Wer echtes Neuland betritt — starkes Wachstum, ein neues Modell —, findet im Dashboard keine Antwort. Da braucht es Erfahrung, Intuition und eine kalkulierte Wette. Im Normalbetrieb dagegen sind die Daten der bessere Ratgeber.
Der Kopf entscheidet, wie lang
Deichmanns größte These ist mental: Der Körper entscheidet, wie schnell du bist, der Kopf, wie lang du durchhältst. Große Ziele werden in tägliche Etappen heruntergebrochen, Verbesserung kommt über akkumulierte Marginal Gains, und Resilienz trainiert man nur außerhalb der Komfortzone — nicht auf dem Sofa.
Warum mich das besonders umtreibt
In meinen Mandaten sehe ich permanent das, was ich Daten-Theater nenne: Dashboards mit 60 Kennzahlen, von denen niemand drei nennen kann, die letzte Woche eine Entscheidung verändert haben. Deichmann macht das Gegenteil. Er misst radikal wenig — aber das Wenige ernsthaft, mit Konsequenz und mit dem Wissen, wie er es zu lesen hat.
Was mich am meisten umtreibt, ist die Parallele zum Reifegrad: Ein durchschnittliches Unternehmen kann seine KPIs ablesen wie ein Marathonläufer seine Pace. Aber wer Hypergrowth fährt oder ein Geschäftsmodell baut, das es so noch nicht gab, ist in Deichmanns Lage — ohne Benchmark. Dann ist die gefährlichste Illusion, sich hinter Zahlen zu verstecken, die gar nicht für die eigene Situation gemacht wurden. Daten geben dir Sicherheit im Bekannten. Im Unbekannten gewinnt, wer den Mut zur erfahrungsbasierten Wette hat.