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Podcast-Cover MDIBTY Folge 335 mit Stefanie Kemp, Sana Kliniken

Folge 335

Was bremst KI im Krankenhaus wirklich? Warum Prozesse über Technologie entscheiden

Stefanie Kemp (Sana Kliniken) über den Weg von Oracle ins Gesundheitswesen, acht KIS-Systeme auf dem Weg zu zwei, digitale Souveränität statt US-Hyperscaler und warum am Ende immer der Mensch auf den Knopf drückt

Stefanie Kemp

Chief Transformation Officer, Sana Kliniken

·59 Min. ·9 min Lesezeit

In Folge 335 von MY DATA IS BETTER THAN YOURS (MDIBTY) spricht Jonas Rashedi mit Stefanie Kemp, Chief Transformation Officer der Sana Kliniken. Es ist Teil 1 einer Doppelfolge aus dem Gesundheitswesen: von acht KIS-Systemen auf dem Weg zu zwei, über digitale Souveränität für Patientendaten bis zur unbequemen Wahrheit, dass nicht die Technik KI bremst — sondern die Prozesse. Konkret: erst den Prozess transparent machen, dann digitalisieren, und niemals den Menschen aus der Verantwortung nehmen.

3 Erkenntnisse aus dieser Folge

  1. 01

    Nicht die Technik bremst KI im Krankenhaus, sondern die Prozesse. Erst wird der Prozess transparent gemacht — häufig entschlackt er sich dabei schon von selbst. Wer diesen Schritt überspringt und einem schlechten Prozess eine App gibt, bekommt einen schlechten digitalen Prozess.

  2. 02

    Konsolidierung mit Respekt: Sana führt acht Krankenhaus-Informationssysteme auf zwei zusammen. Der größte gemeinsame Nenner ist der Kernprozess (Terminanfrage bis Entlassmanagement) — die Fachdiversität von Kardiologie bis Pflege setzt darauf auf, statt sie einzuebnen. Kein Big-Bang, sondern parallelisieren.

  3. 03

    Souveränität schlägt Bequemlichkeit: Kritische Patientendaten gehören nicht zu jedem US-Hyperscaler. Sana setzt auf StackIT/Schwarzgruppe, fährt „Cloud-first, but not Cloud-only" und hält den Menschen im Loop — er muss am Ende bestätigen, gerade im Gesundheitswesen.

Worum es in dieser Folge geht

Stefanie Kemp trägt einen der spannendsten Titel, die mir bisher gegenübersaßen: Chief Transformation Officer der Sana Kliniken. Noch spannender ist ihr Weg dorthin — von der Kinderkrankenschwester über Führungsrollen bei Vorwerk und RWE bis zur Leitung von Oracle Deutschland, wo sie Clouds an Konzerne und Mittelständler verkauft hat. Jetzt gestaltet sie die Transformation eines Konzerns mit rund 4 Milliarden Euro Umsatz, 42.000 Mitarbeitenden und etwa 4 Millionen Patienten im Jahr.

Mich interessiert der betriebswirtschaftliche Praxistest: Was bremst KI im Gesundheitswesen wirklich — die Technik oder die Organisation? Es ist Teil 1 einer Doppelfolge; in Folge 336 geht ihr Kollege Gunnar Hoffmann als Chief Data Officer in die technische Tiefe.

Die Storyline

Prozesse zuerst — nicht die App

Stefanies erste, unromantische Wahrheit: Transformation ist zu großen Teilen Prozessarbeit. Bevor man digitalisiert, muss man den Prozess überhaupt kennen. Und sobald man ihn das erste Mal aufmalt, kommt fast immer der Aha-Effekt — „warum so kompliziert?" — und der Prozess entschlackt sich, ganz ohne Technologie.

Wenn du einem schlechten Prozess eine App gibst, dann hast du hinterher einen schlechten digitalen Prozess. Das hilft halt nicht.

— Stefanie Kemp, Sana Kliniken (Minute 15)

Der Grund, warum das so oft schiefgeht, ist menschlich: Keiner will dokumentieren, keiner will Prozesse hinterfragen — „es läuft ja schon immer so". Genau darin liegt aber der größte Hebel.

Der Tipping Point: Gewinner und Verlierer

Ich bringe meine „Gewinner & Verlierer"-These ein: Über 15 Jahre hat sich Technologie rasant entwickelt — jetzt bremst nicht mehr die Technik, sondern die Organisation, die nicht hinterherkommt. Stefanie bestätigt das und schärft es: KI ist kein Wundermittel mehr, sondern gesetzt.

Wir sind am Tipping Point, das ist given. Und da wird sich jetzt tatsächlich die Spreu vom Weizen trennen.

— Stefanie Kemp, Sana Kliniken (Minute 24)

Acht KIS-Systeme, ein gemeinsamer Nenner

Sana ist über Jahre durch Zukäufe gewachsen — und hat entsprechend viele Systeme geerbt. Acht Krankenhaus-Informationssysteme (KIS) sollen auf zwei konsolidiert werden. Die Kunst ist nicht die Technik, sondern der Respekt vor der Vielfalt: Ein Herzzentrum tickt anders als ein Grund- und Regelversorger, Pflege dokumentiert anders als die Kardiologie.

Der Ansatz: den Kernprozess als gemeinsame Absprungbasis nehmen und die fachliche Diversität darauf aufsetzen — nicht einebnen. „Standardisierung ist das Zauberwort", sagt Stefanie, „aber du kannst nicht von heute auf morgen sagen: zack, umstellen und fertig."

Souveränität statt Bequemlichkeit

Weil es um kritische Patientendaten geht, entscheidet sich Sana bewusst gegen den reflexhaften Griff zum US-Hyperscaler und für StackIT der Schwarzgruppe. Der Leitsatz: „Cloud-first, but not Cloud-only." In Radiologie und auf der Intensivstation entstehen so große Datenmengen, dass ein Edge-Cloud-Ansatz Pflicht ist — erst lokal verarbeiten, dann zentral zusammenführen.

On-Premise ist dabei für sie kein Schimpfwort: „Da macht es für mich keinen Unterschied, ob ich das On-Premise oder in der Cloud absichere — ich muss es nur können." Entscheidend ist die Souveränität: Wo landen die hochkritischen Daten, und wer hat Zugriff?

Einfach mal anfangen

Auf meine Frage nach dem Erfolgsrezept kommt die vielleicht ehrlichste Antwort der Folge.

Einfach mal anfangen. Du wirst es immer nur parallelisieren können, aber du musst irgendwo anfangen.

— Stefanie Kemp, Sana Kliniken (Minute 38)

Ein Greenfield wie in Estland gibt es hierzulande nicht — 50 Krankenhäuser, 60 Ambulanzzentren, 42.000 Menschen kann man nicht abschalten und neu bauen. Ihr Appell ist fast schon ein Weckruf: aufhören mit dem ewigen „geht nicht, tut nicht, macht nicht" — und stattdessen machen.

Der Mensch drückt den Knopf

Bei aller KI-Euphorie bleibt Stefanie klar: Der Mensch entscheidet, gerade im Gesundheitsumfeld. Ihr schönstes Beispiel ist ein Trick, der KI vom Raten abhält — sie soll rechnen.

Sag der KI, sie soll den Kalkulator nutzen — dann stimmt die Zahl. Das ist der Unterschied, wie man mit KI umgeht.

— Stefanie Kemp, Sana Kliniken (Minute 51)

Genau das ist der rote Faden: KI nimmt die administrative Last, strukturiert unstrukturierte Dialoge, schlägt vor — aber der Mensch bestätigt. Und der Patient braucht dabei immer eine saubere Aufklärung, was mit seinen Daten passiert.

Warum mich das besonders umtreibt

Ich bin mit der Erwartung reingegangen, dass Krankenhaus-IT vor allem ein Technikthema ist. Herausgekommen ist das Gegenteil: Der Engpass ist die Organisation. Das ist unbequem, weil man sich nicht hinter „uns fehlt das Tool" verstecken kann — sondern die Prozesse aufmalen, entschlacken und die Menschen mitnehmen muss.

Was ich mitnehme, ist Stefanies Haltung: Nicht auf den perfekten Moment warten, sondern parallelisieren und starten. Und die Erinnerung, dass Technologie im Krankenhaus einen anderen Purpose hat — sie soll Zeit zurück an den Patienten geben. In Folge 336 geht Gunnar Hoffmann genau darunter: Wie kommt man an die Daten, die dieses Versprechen einlösen?

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Über den Gast

Stefanie Kemp ist Chief Transformation Officer der Sana Kliniken AG und verantwortet die digitale Transformation eines der größten Klinikkonzerne Deutschlands. Zuvor leitete sie unter anderem Oracle Deutschland und sammelte Führungs- und Digitalisierungserfahrung bei RWE und Vorwerk — mit Wurzeln als Kinderkrankenschwester direkt am Patienten.

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