In Folge 337 von MY DATA IS BETTER THAN YOURS (MDIBTY) spricht Jonas Rashedi live auf der K5 mit Andrea Lederer, Chief Digital Officer bei Weleda. Die beiden kennen sich aus gemeinsamen Douglas-Zeiten — und gehen entlang der Frage durch, die jeder digitalisierende Mittelständler kennt: Wie baut ein über 100 Jahre altes Unternehmen aus dem stationären Handel eine zentrale Dateninfrastruktur, eine Single Source of Truth und die ersten KI-Piloten auf? Die Reihenfolge bleibt klar: erst das Datenfundament, dann die KI.
3 Erkenntnisse aus dieser Folge
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Der ehrliche Startpunkt: Als Global CDO konnte Andrea Lederer ein halbes Jahr lang nicht sagen, wie viel Weleda online verkauft — weil es keine zentralen Daten und nicht einmal eine einheitliche Definition von „Online-Verkauf" gab. Der erste Schritt war deshalb kein Tool, sondern eine Abstimmung mit Finance und den Ländern.
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Single Source of Truth vor allem anderen: Ist-Daten, Vorjahr und Budget wanderten schrittweise in Power BI, ergänzt um konsequente Länderkommentierung nach harter Amazon-Schule. Treiberbäume zerlegen den Umsatz in Average Order Value, Bestellungen und Conversion — Steuerung statt Bauchgefühl, aber Mut und Kreativität im Marketing bleiben.
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Erst die Daten, dann die KI: Aus einem KI-Piloten mit geplanten 10 Testern wurden 40. Claude wurde für Andrea zum Gamechanger bei Strategiepapieren — aber beim Vorstand gewinnt PowerPoint noch, und echter Mehrwert entsteht nur, wenn man Ergebnisse hinterfragt statt mit Drei-Satz-Prompts AI-Slop zu produzieren.
Worum es in dieser Folge geht
Andrea Lederer ist Chief Digital Officer bei Weleda und verantwortet dort Commerce, IT und Data. Vor ihrem Start im Juni 2024 war sie unter anderem bei Amazon, Expedia, Best Secret und Douglas — bei Douglas haben wir beide zusammengearbeitet und viel gemeinsam auf Zahlen geschaut. Weleda ist ein über 100 Jahre altes, international aufgestelltes Unternehmen mit Sitz in der Schweiz und Präsenz von Australien über Amerika bis Asien.
Aufgenommen haben wir diese Folge live auf der K5, direkt neben der AI-Bühne. Genau deshalb spannt sich das Gespräch von der nüchternen Dateninfrastruktur bis zu den ersten KI-Piloten — und bleibt dabei immer an der Frage, die jeder digitalisierende Mittelständler kennt: Wie kommt ein Unternehmen aus dem stationären Handel an die Daten, mit denen sich überhaupt steuern lässt?
Die Storyline
Ein halbes Jahr ohne Zahl: der Datensalat
Weledas Ausgangslage ist typisch für den Mittelstand: sehr dezentral, historisch gewachsen, mit unterschiedlichen Datensystemen in jedem Land. Und aus dem stationären Handel kommend fehlten schlicht die First-Party-Daten. Andreas „Running Gag" der ersten Monate bringt das Problem auf den Punkt.
Mein Running Gag war, dass ich als Global CDO nicht sagen konnte, wie viel wir online überhaupt verkaufen. Weil wir keine zentralisierten Daten hatten.
Bevor es überhaupt eine Zahl gab, musste erst mit Finance und den Ländern definiert werden, was ein Online-Verkauf ist und wo er hingehört. Das schönste Beispiel: Im ersten Power-BI-Blick machte Weleda die meisten Online-Verkäufe in Hongkong — weil dort kurzerhand das gesamte D2C-Geschäft ins Online-Bucket geknallt wurde.
Schritt für Schritt zur Single Source of Truth
Statt eines großen Wurfs ging Andrea in Etappen vor: erst die Ist-Daten integrieren, dann die Vorjahreszahlen, seit diesem Jahr auch Versus-Budget. Darauf baute ihr Business-Development-Team die Reportings — Monthly Business Reviews und Deep Dives mit den Ländern.
Wir brauchen Single Source of Truth. Und da brauchen wir auch mal Ansagen von Finance: Welche KPI nehmen wir denn jetzt?
Für sie ist die Königsdisziplin nicht das Dashboard, sondern die Interpretation — geprägt von der harten Amazon-Schule. Deshalb legt sie so viel Wert auf die Länderkommentierung: Wer eine Abweichung sieht, muss sie erklären. Ein bekanntes Muster aus Douglas-Zeiten schwingt mit: vier, fünf Analysten, die sich über eine Zahl streiten, bis jemand merkt, dass der eine netto und der andere brutto gerechnet hat.
Treiberbäume statt Bauchgefühl — aber Mut bleibt
Wenn Daten da sind, zählt, was man daraus ableitet. Andrea denkt in Treiberbäumen und erwartet das auch von jedem lokalen Webshop-Manager.
Ich liebe Treiberbäume. Wenn du dir den Umsatz anguckst, musst du dir Average Order Value angucken, Anzahl der Bestellungen, wie viele Leute auf der Webseite waren, die Conversion Rate.
Die härteste Nuss bleibt die Online-Offline-Lücke: Die Suche startet digital, gekauft wird oft stationär. Weleda baut dafür gerade ein 360-Grad-Campaign-Performance-Tool und geht Mixed Modeling an, um Kanalwertbeiträge greifbar zu machen. Andrea bleibt dabei ehrlich: Am Ende braucht Marketing neben Daten immer auch Mut und Kreativität — nicht jede Entscheidung lässt sich rein datenbasiert treffen.
IT aus dem Investitionsstau holen
Wie bei vielen Mittelständlern liegt bei Weleda ein Investitionsstau in der IT — verschärft dadurch, dass die E-Commerce-IT früher im Marketing-Team hing. Andrea hält dagegen und macht etwas, das man selten offen hört.
Ich mache gerade ein sehr starkes Plädoyer, die IT-Kosten zu erhöhen.
Ihr Punkt: In der Zentrale steigen die IT-Kosten, der Umsatz entsteht in den Ländern — und die Verbindung dazwischen fehlt oft, was jeden Business Case schwer macht. Ihre Antwort ist organisatorisch: Business Ownership im eigenen Team, Product Ownership in der IT, und ein Prozess, der Anforderungen bündelt, bewertet und mit Business-Impact an die IT übergibt, statt jede Einzel-Request durchzuschleusen.
Aus 10 Testern wurden 40: KI-Adoption bei Weleda
Neben der AI-Bühne wird KI schnell konkret. Weleda hat seit Jahren einen AI-Governance-Lead und ein internes System auf OpenAI-Basis; jetzt kommen ein AI-Ambassador-Programm und ein AI-Readiness-Check mit Ampelsystem dazu. Der eigentliche Aha-Moment war aber ein Pilot, den Andrea zur Chefsache machte.
Wie ich mich versah, hatten wir plötzlich 40 Menschen in der Testgruppe — wo ich der IT gesagt hatte, es würden nur 10 werden.
Für Andrea wurde Claude zum Gamechanger: Ein geforderter Drei-Jahres-Plan, für den sie sonst eine Woche gebraucht hätte, entstand in rund drei Stunden intensivem Sparring — mit der ehrlichen Nebenbemerkung, dass ihr Kopf danach „total fertig" war. Spannend auch die Formatfrage: HTML-Strategiepapiere statt PowerPoint machen die Runde, doch beim ersten Vorstands-Update entschied sie sich (auch wegen des anthroposophischen Hintergrunds) noch für PowerPoint.
Meine These: 90 Prozent aller Leute, die AI nutzen, haben maximal drei Sätze im Prompt. Wie will man damit ein gutes Ergebnis bekommen?
Ihr wichtigster Punkt gegen AI-Slop: Ergebnisse hinterfragen. Sie arbeitet mit Projektdateien und Kontextmodulen statt mit Drei-Satz-Prompts — und übersetzt „human in the loop" lieber in „human in the lead". Genau da schließt sich der Kreis zur Infrastruktur: KI ist keine Tool-, sondern eine Prozess- und Adoptionsfrage.
Warum mich das besonders umtreibt
Weledas Weg ist für mich die Blaupause für den datengetriebenen Mittelstand. Das Muster ist überall gleich: ein starkes, gewachsenes Geschäft aus einer Welt ohne First-Party-Daten, das jetzt digitalen Direktkontakt aufbaut — und dafür zuerst ein Fundament braucht, bevor irgendein KI-Use-Case trägt.
Was ich mitnehme, ist die Konsequenz in der Reihenfolge: erst mit Finance die Definitionen klären, dann die Zahlen, dann die Treiberbäume, dann die KI. Und der Satz, dass aus 10 Testern 40 wurden, ist für mich kein KI-Thema, sondern ein Kultur-Thema. Wer die ganze Geschichte hören will, findet die Folge auf allen Plattformen.
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Über den Gast
Andrea Lederer ist Chief Digital Officer bei Weleda und verantwortet dort Commerce, IT und Data — inklusive Umsatzverantwortung für die digitalen Kanäle und das E-Commerce-DACH-Team. Vor ihrem Start im Juni 2024 war sie unter anderem bei Amazon, Expedia, Best Secret und Douglas tätig, wo sie auch mit Jonas zusammengearbeitet hat. Andrea Lederer auf LinkedIn.