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Podcast-Cover MDIBTY Folge 338 mit Karsten Rösener, Warsteiner

Folge 338

KI-Transformation im Mittelstand: Warum Warsteiner auf 40 Teilprojekte und einen Assistenten namens Vitus setzt

Karsten Rösener (CDO Haus Cramer Gruppe / Warsteiner) über ein seit 1753 bestehendes Traditionsunternehmen, warum er sich bewusst gegen ein Greenfield-SAP entschieden hat — und wie aus einzelnen Assistenten der interne KI-Assistent Vitus wird

Karsten Rösener

Chief Digital Officer, Haus Cramer Gruppe (Warsteiner)

·58 Min. ·9 min Lesezeit

In Folge 338 von MY DATA IS BETTER THAN YOURS (MDIBTY) spricht Jonas Rashedi mit Karsten Rösener, Chief Digital Officer der Haus Cramer Gruppe (Warsteiner). Die beiden führen vergleichbare Rollen im Mittelstand — Karsten bei Warsteiner, Jonas bei FALKE — und gehen entlang der Frage durch, die jedes gewachsene Traditionsunternehmen kennt: Wie zieht man eine SAP-Transformation und eine KI-Einführung gleichzeitig durch, ohne sich zu verheben? Die Reihenfolge bleibt für Karsten klar: erst der Prozess, dann das Tool, dann die KI.

3 Erkenntnisse aus dieser Folge

  1. 01

    Brownfield statt Greenfield: Karsten prüft bei jeder SAP-Transformation zuerst, ob Greenfield überhaupt geht — und hat sich bei Warsteiner bewusst dagegen entschieden. Statt eines Big-Bang-Projekts laufen 40 flexible Teilprojekte, die Prozesse integrieren und Alt-Applikationen und Excel-Inseln ablösen. Der Denkansatz zuerst: der Prozess, nicht das Tool.

  2. 02

    Datensouveränität als Prinzip: Ticketsystem und ein eigenes Sprachmodell betreibt Warsteiner komplett intern — um sich nicht von einem Anbieter abhängig zu machen, der morgen 30 Prozent mehr verlangt. Aus einzelnen Assistenten mit hartem ROI (Rechtsanalyst, Prozess-Assistent, SAP-Helferlein) wird Schritt für Schritt der interne KI-Assistent Vitus, benannt nach dem Gründersohn von 1753.

  3. 03

    KI ist zu 80 Prozent ein Menschen-Thema: Führungskräfte, die selbst täglich mit KI arbeiten, erzeugen einen vierfach höheren Durchsatz in ihrer Abteilung — Führung durch Vorbild. KI-Campus, KI-Botschafter und KI-Champions tragen die Adoption in die Fläche, denn KI lernt man wie Fahrradfahren: nicht aus dem Buch, sondern durch Machen.

Worum es in dieser Folge geht

Karsten Rösener ist seit 2024 Chief Digital Officer der Haus Cramer Gruppe (Warsteiner) und verantwortet dort das gesamte Feld rund um die IT: SAP-Transformation, Infrastruktur, IT-Security und KI. Data sieht er als Querschnittsfunktion über alle vier Bereiche. Vorher war er in unterschiedlichen CIO- und CDO-Rollen unter anderem bei der Ostfriesischen Tee Gesellschaft unterwegs.

Warsteiner ist ein Traditionsunternehmen mit allem Positiven, was das mitbringt — und mit einer typischen Mittelstands-Ausgangslage: ein SAP R/3, eine überholungsbedürftige Infrastruktur, viele ältere Applikationen und manuelle Schnittstellen. Genau deshalb spannt sich das Gespräch von der nüchternen SAP- und Reporting-Basis bis zu den ersten KI-Assistenten — und bleibt immer an der Frage, wie ein gewachsenes Unternehmen beide Welten gleichzeitig bedient.

Die Storyline

Warum kein Greenfield: 40 Teilprojekte statt Big Bang

Die erste Prüfung bei jeder SAP-Transformation ist für Karsten: Geht Greenfield? Dafür braucht es Unternehmen, die ihre Prozesse durchgehend in Werten und Mengen verstehen — und davon gibt es wenige. Bei Warsteiner sprach die gewachsene, verschachtelte Landschaft (Stichwort: vier Kostenrechnungskreise aus der Historie) klar dagegen.

Die erste Geschichte, die ich immer prüfe, ist: Geht Greenfield? Aber wie soll ich ein neues Greenfield-SAP designen, wenn ich diese Funktionalitäten integriert noch gar nicht kenne?

— Karsten Rösener, Warsteiner

Der Ansatz zahlt sich bis heute aus: Weil die Teilprojekte flexibel ineinandergreifen und sich anders anordnen lassen, bleibt Warsteiner mit seinen Kapazitäten beweglich, statt sich an einem Monolithen festzubinden.

Prozess vor Tool — auch mal bewusst raus aus SAP

Der wichtigste Wandel, den Karsten treibt: IT-Projekte sind keine IT-Projekte. Erst zählt der Prozess und der Mehrwert danach, dann das Werkzeug. Diese Haltung stammt aus seiner Zeit als SAP-Berater im Controlling — er wollte immer zuerst durch die Produktion laufen, bevor über Tools gesprochen wurde. Und sie führt auch mal bewusst aus SAP heraus.

Alle wissen, das ist nicht die Core-Disziplin von einem SAP. Also da muss ich es auch bitte nicht ins SAP bringen — da sind wir besser draußen aufgehoben und machen nur eine Schnittstelle für die Fakturierung.

— Karsten Rösener, Warsteiner

Das Beispiel: das Event-Management für den Verleih von Getränkewagen und Equipment — vom Bierwagen bis zur Saftanlage. Ein Nicht-Core-Prozess, den man nicht ins ERP zwängt, sondern über eine passende Lösung abbildet und sauber anbindet.

Wetterabhängiges Saisongeschäft: das Analytische treibt das Prozessuale

Beim Reporting stand die Entscheidung an: das alte Business Warehouse mit tausenden Berichten reinigen oder neu aufsetzen? Warsteiner hat sich für den Neuaufbau auf SAP Datasphere entschieden — wahrscheinlich am Ende sogar günstiger. Und weil Bier ein wetterabhängiger Saisonartikel ist, hängt viel an aktuellen, sauberen Daten.

Das Analytische treibt tatsächlich das Prozessuale vor sich her: Leute, seht zu, dass ihr die Prozesse integriert, damit wir oben besser reporten können.

— Karsten Rösener, Warsteiner

Der Schmerz, einen Prozess zu schließen, wird also bewusst größer gemacht, weil sauberes Reporting es verlangt. So entsteht Impact in den Fachbereichen — und die Grundlage für Wetter- und Saison-Prognosen, um nachhaltiger produzieren zu können.

KI-Assistenten mit hartem ROI

Beim Thema KI bleibt Karsten bewusst bei Assistenten, nicht bei vollautonomen Agenten. Ein Assistent hilft dem Anwender, einen Prozess sauber zu beschreiben — inklusive Sonderfällen und offenen Fragen — und liefert in 10 bis 20 Minuten einen ersten Entwurf. Entscheidend ist für ihn immer die ROI-Frage.

Der Rechtsanalyst macht eine Voranalyse innerhalb von einer Minute und hilft, unserer internen Rechtsabteilung exorbitant Zeit zu sparen. Die Entwicklung hat vier Stunden gebraucht.

— Karsten Rösener, Warsteiner

Weitere Beispiele: ein Prozess-Assistent (rund 16 Stunden Entwicklung), der die Beraterzeit einspart, und ein SAP-Helferlein, das mit rund 90 Prozent Trefferquote erklärt, welche Transaktion man wofür braucht. Kleine Bausteine, jeder mit nachvollziehbarem Nutzen — genau das unterscheidet Warsteiner von den vielen KI-Piloten, die nie über den POC hinauskommen.

Datensouveränität: Ticketsystem und eigenes LLM intern

Der nächste Schritt in den kommenden Monaten: aus Assistenten selbstlaufende Agenten machen — angefangen beim Dauerbrenner Ticketsystem. Ein Ticket kommt rein, wird zugeordnet, bewertet und beantwortet; der First-Level-Support ist damit 24/7 erreichbar, und die gut ausgebildeten IT-Leute können sich um die kniffligen Fälle kümmern. Wichtig ist Karsten dabei ein Prinzip.

Wir machen uns nicht abhängig von irgendeinem Anbieter, wo dann morgen jemand sagen kann, das kostet jetzt 30 Prozent mehr — sondern betreiben Ticketsystem und Sprachmodell tatsächlich intern.

— Karsten Rösener, Warsteiner

Warsteiner geht dabei von innen nach außen: erst intern lernen, mit eigener Governance, bevor etwas nach außen wandert. Eine Nachlern-Schleife prüft täglich, welche Fragen die KI nicht beantworten konnte — statt zu halluzinieren — und verbessert die Assistenten gezielt weiter.

Vitus: KI mit Namen aus dem Jahr 1753

Der interne KI-Assistent von Warsteiner trägt einen Namen mit Geschichte. Er ist für alle im Unternehmen über Intranet und Teams verfügbar und bündelt die bewährten Assistenten an einem Ort.

Vitus ist der Sohn unseres Gründers. 1753 tauchte die Brauerei das erste Mal in öffentlichen Dokumenten auf, als sie Steuer fürs Bierbrauen zahlen musste — und unser interner KI-Assistent heißt Vitus.

— Karsten Rösener, Warsteiner

Bewährt sich ein Assistent (etwa der SAP- oder der Microsoft-Helfer) breit im Unternehmen, wird er weiter ausgeprägt und nach Vitus überführt. Betrieben wird das über ein Pay-per-Use-Modell im Copilot Studio — nicht als Lizenz-Gießkanne, sondern nutzungsbasiert.

Warum Vorbild vierfach wirkt

Der Start in die KI läuft bei Warsteiner über einen extern moderierten Workshop, der Führungskräfte begeistert, gefolgt von der Trennung in Quick Wins (alles vorhanden) und Projekte (Daten fehlen noch). Doch der stärkste Hebel ist die Vorbildfunktion.

Wenn die Führungskraft selbst jeden Tag mit KI arbeitet oder sogar selbst Assistenten baut, habe ich einen vierfach höheren Durchsatz in der Abteilung, als wenn sie es nicht tut.

— Karsten Rösener, Warsteiner

Getragen wird die Adoption von KI-Campus, KI-Botschaftern (alle zwei Wochen) und künftig KI-Champions. Dazu kommen Fachbereichs-Hackathons: Im Controlling entstanden in drei Stunden fünf Assistenten, mit denen dort heute gearbeitet wird — plus dem Nebeneffekt, dass alle Bereiche endlich sehen, was die anderen eigentlich tun. Für Karsten ist KI wie Fahrradfahren: Man lernt es nicht aus dem Buch, sondern durch Machen. Und weil Digitalisierung zu 80 Prozent ein Menschen-Thema ist, bleibt das permanente Arbeit.

Warum mich das besonders umtreibt

Karstens Weg ist für mich eine Blaupause für den datengetriebenen Mittelstand. Das Muster kenne ich aus meiner eigenen Rolle: ein starkes, gewachsenes Geschäft mit Legacy und Silos, das jetzt beide Welten gleichzeitig bedienen muss — die Aufräumarbeiten in SAP und die KI, die nicht warten kann.

Was ich mitnehme, ist die Konsequenz in der Reihenfolge: erst den Prozess verstehen, dann das Tool wählen, dann die KI — und jeden Use Case an einem harten ROI messen. Und der Satz, dass die Führungskraft mit KI den vierfachen Durchsatz erzeugt, ist für mich kein Technik-, sondern ein Kultur-Thema. Wer die ganze Geschichte hören will — inklusive dem Filmtitel „Tradition trifft Algorithmus" —, findet die Folge auf allen Plattformen.

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Über den Gast

Karsten Rösener ist seit Februar 2024 Chief Digital Officer der Haus Cramer Gruppe (Warsteiner) — eine neu geschaffene Position mit Verantwortung für die SAP-/S/4HANA-Transformation, Infrastruktur, IT-Security und KI. Zuvor war er von 2016 bis 2024 Chief Information & Digital Officer der Ostfriesischen Tee Gesellschaft und davor CIO der GoodMills Group; 2025 wurde er mit dem Confare ImpactAward ausgezeichnet. Karsten Rösener auf LinkedIn.

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