In Folge 329 von MY DATA IS BETTER THAN YOURS (MDIBTY) spricht Jonas Rashedi mit Nicolai Dwinger (Referent für Industrie, Technologie & Außenhandel, IHK Mittlerer Niederrhein) darüber, warum der deutsche Mittelstand vor lauter KI-Hype die Basis vergisst — und wie aus Pflicht (NIS2, digitaler Produktpass) ein Wettbewerbsvorteil wird. Konkret: Erst die Datenstruktur, dann die KI.
3 Erkenntnisse aus dieser Folge
- 01
Erst die Basis, dann KI. „Euer Thema ist noch gar nicht KI" — viele Mittelständler wollen KI, haben aber durchgängige Prozesse und saubere Datenstrukturen noch nicht. KI als Aufhänger ist gut, solange darunter die Digitalisierungs-Hausaufgabe gemacht wird. KI ist kein Saugroboter, der den Schrott von allein wegräumt.
- 02
Tanker statt Schnellboot — und das ist okay. Deutschland erfindet die großen Sprachmodelle nicht. Aber im Anwenden zählt nicht, wer zuerst ist, sondern wer das Geschäftsmodell und den Benefit hat. Der Zweite oder Dritte zu sein reicht — Hauptsache machen, experimentieren und schneller werden.
- 03
Die besten Scouts sind die Azubis. Reverse Mentoring: Auszubildende gehen mit offenen Augen durchs ganze Unternehmen und finden, was Fachabteilungen im Silo übersehen. Weil neue Inhalte sechs Jahre bis in die Prüfungsordnung brauchen, baut die IHK Schnellboote wie einen eigenen Bildungskampus.
Worum es in dieser Folge geht
Nicolai Dwinger ist Referent für Industrie, Technologie und Außenhandel bei der IHK Mittlerer Niederrhein — nach 25 Jahren in der Wirtschaft, unter anderem zwölf Jahre im Bereich Europe, Middle East & Africa. Er betreut einen echten Querschnitt des deutschen Mittelstands: vom Zwei-Personen-Betrieb bis zum etablierten Industrieunternehmen.
Genau deshalb wollte ich mit ihm reden. Nicolai hört, was die Unternehmen gerade wirklich umtreibt — und sein Befund ist unbequemer, als der KI-Hype vermuten lässt.
Die Storyline
Was die IHK eigentlich macht
Die Industrie- und Handelskammer ist eine Körperschaft öffentlichen Rechts; 79 davon gibt es in Deutschland. Viele kennen sie nur von der Abschlussprüfung — sie ist aber viel mehr: Beratung, Aus- und Weiterbildung und Interessensvertretung. Und sie begleitet Unternehmen über den gesamten Lebenszyklus, von der Gründung über die erste Einstellung bis zur Nachfolge.
„Euer Thema ist noch gar nicht KI"
Was Nicolai aktuell spannend findet: wie sehr sich plötzlich alle mit KI beschäftigen wollen. Im Gespräch merkt er als alter Hase aber oft sehr schnell, dass das gar nicht der eigentliche Engpass ist.
Euer Thema ist noch gar nicht KI. Euer Thema ist eigentlich erst mal, die Basis der Digitalisierung hinzubekommen.
Das digitale Bild in Deutschland ist extrem heterogen: Manche Unternehmen sind so weit, dass sie gezielt zusätzliche Daten für Modellierungen brauchen. Andere haben die Prozesse und die Kultur dafür gar nicht — und glauben trotzdem, KI komme wie eine Putzfrau und räume den Schrott schnell weg. So funktioniert es nicht. Davor stehen Change Management, ein nutzenorientiertes Gespräch (nicht „wir müssen jetzt digitalisieren") und das ehrliche Ende der Excel-und-E-Mail-Schleifen, in denen Daten zwischen proprietären Systemen hin- und hergeschickt werden.
Tanker statt Schnellboot
Auf einem Event hörte Nicolai eine Zahl von Sascha Lobo: Deutschland habe die zweitmeisten ChatGPT-Lizenzen der Welt. Wir erfinden die Modelle nicht — wir sind die, die fragen, wie man sie nutzt. Die alte Tüftler-Nation. Sein Bild dazu mag ich sehr:
Wir sind kein Schnellboot, wir sind ein Tanker. Aber ein Tanker fährt auch bei schlechtem Wetter über das Meer.
Im LLM-Game musst du nicht der Erste sein. Vorne verändert sich ohnehin alles ständig. Die Frage ist, was dein Geschäftsmodell ist und wo der Benefit liegt — da kannst du auch der Zweite oder Dritte sein. Was zählt: machen und Geschwindigkeit. Und genau da sieht Nicolai bei der jüngeren Generation deutlich mehr Lust am Experimentieren, statt 24 Monate zu testen.
Die besten Scouts sind die Azubis
Der für mich überraschendste Gedanke: KI-Kompetenz im Betrieb entsteht nicht nur top-down. Nicolai erzählt von den Energie-Scouts — Azubis, die mit offenen Augen durch das ganze Unternehmen gehen und Einsparpotenziale finden, die der Fachabteilung nach Jahren im Silo entgehen.
Dieselbe Logik überträgt er auf KI: ein Querschnittsthema, das kein einzelner Betrieb seinen Azubis allein beibringen kann — sondern bei dem die Azubis dem Betrieb umgekehrt zeigen, was geht. Reverse Mentoring. Weil das offizielle Bildungssystem sechs Jahre braucht, um neue Inhalte in die Prüfungsordnung zu bekommen, baut die IHK daneben Schnellboote: einen Bildungskampus, der KI für Auszubildende in den Fokus nimmt — gemeinsam mit Hochschulen und Handwerkskammer.
Aus Pflicht ein Vorteil
Die regulatorische Welle ist real: NIS2 (Cybersicherheit), die Ökodesign-Verordnung und der digitale Produktpass für 2027/28. Für viele Unternehmen erdrückend — aber Nicolai dreht es um. Wer sich früh damit beschäftigt, kann sich differenzieren, statt 2027 das gesamte Produktdatenmanagement über den Haufen werfen zu müssen. Und beim Thema digitale Souveränität — ein Bundesland wechselt gerade von Microsoft Teams auf Open Source — sieht er die Chance, dass der Mittelstand mit europäischen Tech-Stacks vorangeht. Dafür braucht es Leuchttürme aus der Wirtschaft, nicht aus der Verwaltung.
Warum mich das besonders umtreibt
Mich treibt um, wie sehr Nicolais Befund das bestätigt, was ich seit Jahren predige: KI ist kein Saugroboter. Wer die Basis — durchgängige Prozesse, saubere Daten, eine Kultur, die den Nutzen versteht — nicht legt, automatisiert nur sein Chaos und wundert sich über das Ergebnis. Das ist die unbequeme Hausaufgabe, die kein Tool dir abnimmt.
Gleichzeitig nehme ich seinen Optimismus ernst. Das Tanker-Bild ist kein Defätismus, sondern eine realistische Stärke: langsam, aber verlässlich, auch bei schlechtem Wetter. Mein einziger Vorbehalt bleibt die Geschwindigkeit. Sechs Jahre für eine Prüfungsordnung sind in einer Welt, in der sich Modelle im Quartalstakt ändern, schlicht zu lang. Deshalb finde ich den Reflex richtig, Schnellboote daneben zu bauen und die nächste Generation früh einzubinden — denn am Ende ist Nicolais Lieblingsfilm „Moneyball": Datenentscheidung schlägt Bauchgefühl, sobald man sich traut, hinzuschauen.